Zehn Millionen Jahre in drei Stunden

Eine ziemlich zügige geologisch-standortskundliche Waldwanderung

Auf eine ziemlich lange Zeitreise hatte die SDW Rems-Murr an diesem Samstag-Nachmittag eingeladen.

Auf dem Keuper-Lehrpfad Aspach konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, anschaulich präsentiert von Prof. Dr. Manfred Krautter, über die Entstehung der Keuperlandschaft lernen. Und was Geologie mit der konkreten Waldwirtschaft zu tun hat, erklärte Dr. Gerhard Strobel im zweiten Teil dieses kurzweiligen Waldspaziergangs.

 

Prof. Dr. Manfred Krautter erklärt die Geologie des Schwäbischen Waldes
Prof. Dr. Manfred Krautter erklärt die Geologie des Schwäbischen Waldes

Eigentlich katapultiert der Geologe Manfred Krautter die Teilnehmer dieser nachmittäglich Waldwanderung regelrecht durch die Zeitläufte des Oberen Trias. Denn zu jener Zeit vor über 200 Millionen Jahren wurde die Keuperlandschaft, der geologische Untergrund des Schwäbischen Waldes, gebildet.

Ein für die meisten ziemlich ungewohntes Weltbild zeichnet er, denn die Welt sah tatsächlich völlig anders aus:

Die Kontinente, wie wir sie heute kennen, gab es damals noch nicht. Das Festland war zu jener Zeit ein einziger riesiger Super-Kontinent, genannt Pangäa.


Ur-Kontinent Pangäa (Quelle: Wikipedia)
Ur-Kontinent Pangäa (Quelle: Wikipedia)
Vergrößerter Ausschnitt am Rand der damaligen Meeresbucht "Thetys" (Quelle: Hauschke & Wilde 1999)
Vergrößerter Ausschnitt am Rand der damaligen Meeresbucht "Thetys" (Quelle: Hauschke & Wilde 1999)

"Und die Gegend um das heutige Aspach lag in einem riesigen Flußmündungs-Delta, dessen Wasser in eine Meeresbucht, Thetys genannt, geflossen ist," erklärt Manfred Krautter schmunzelnd diese ziemlich unwirtliche Zeit.

In dieses Flußdelta wurde durch Fluss-Systeme aus dem Norden und aus dem Osten, genannt "Vindelizisches Land", über Jahrmillionen riesige Erosionsfrachten - grober Sand, abe rauch feine Schwebstoffe abgelagert, die heutige Sand- und Tonsteine des Keupers. Da sich dieser Landstrich gleichzeitig durch tektonische Vorgänge senkte, wurde das Delta aber immer wieder auch durch Flachmeere überspült, die dann feineres kalkiges und toniges Material ablagerte. So bildeten sich die heutigen Ton- und Mergelschichten. Das Klima war zunächst regelrecht tropisch, mit gewaltigen Monsun-Regenfällen und mit einer vielfältigen Lebewelt in riesigen Schachtelhalm-Wäldern. In der späteren Keuperzeit hingegen war es eher wüstenartig heiß und trocken.

Mit ganz anderen Augen sehen die Waldwanderer nun ihre heimatliche Landschaft, als der Wissenschafler ihnen die Erdgeschichte in die Gegenwart übersetzt: "Die leicht erodierbaren Tonmergel-Schichten des Gipskeupers bilden die flachwellige Landschaft in der Backnanger Bucht und um die Gemeinde Aspach. "

Ebene Lagen und fruchtbare Böden des Gipskeupers sind der Grund, warum dieser jahrhundertelang landwirtschaftlich genutzt wurde und wird. Mit dem teilweise steilen Anstieg in die eher sandstein-dominierten Keuperhänge des Schilfsandsteins und des Stubensandsteins wechselt die Landnutzungsform zu Wald.

Dass die seither gebildete Landschaftsform aber nichts statisches, sondern im Gegenteil, ständig in Veränderung begriffen ist, war ein weiterer Aha-Effekt. In unserem heutigen Klima und bei unserer heutigen Vegetation werden Gesteine nicht nur erodiert und durch Flüsse abgetragen, es erfolgt auch die Umformung von Gestein zu Boden.

"Boden" ist das Stichwort für den "Stabwechsel" von Prof. Manfred Krautter zu

Dr. Gerhard Strobel, ehemaliger forstlicher Standortskundler. "Die Entwicklung und  die Eigenschaften von Böden interessieren natürlich den Förster, denn Böden sind nicht nur unsere Ernährungsgrundlage, sondern auch die Standorte unserer Wälder."

Standortskunde sei eine Querschnitts-Wissenschaft erfuhren die Teilnehmer. Sie bediene sich sowohl geologisch-bodenkundlicher Erkenntnisse, aber auch das Regionalklima und das kleinstandörtliche Klima, Hangrichtung, Hangneigung, die Beeinflussung des Waldes durch den Menschen während seiner langen Geschichte sind wichtige Beurteilungs- und Informationsquellen.

"Der Wald mit seinen Standorten, Baum- und Pflanzenarten ist ein offenes Buch, in dem wir lesen können", so der Standortskundler. Über ein flächiges Raster von Bohrproben im Wald mit Hilfe eines Bohrstocks, durch die örtlich wachsende Pflanzengesellschaft, durch Untersuchung des Humuszustands  und die Einschätzung des Wasserhaushalts anhand des Bodenprofils und der Geländeform können "Standortseinheiten" zusammengefasst werden. Diese Einheiten ähnlicher waldbaulicher Möglichkeiten und Gefahren sind neben der Waldinventur die wichtigsten Grundlagen der forstlichen Planung. Jeder Baum hat einen eigenen Charakter, seine Stärken und Schwächen und seine eigenen ganz speziellen Bedürfnisse. An einem praktischen Beispiel im Wald wurde lebhaft diskutiert, wie der richtige Wald hier auf diesem Standort erzogen werden kann.

 

Dass das Thema Standortskunde alles andere als "theoretisch" und trocken ist, merkt Philipp Polosek am eigenen Leib, als er den Bohrstock mit einem riesigen Hammer fast im Waldboden versenkt und dann ganz schön ins Schwitzen kommt, bis er den Umstehenden das Ergebnis seiner Bohrung präsentieren kann. Alle anderen Mitmacher bei diesem Waldbegang kneteten begeistert die Bodenproben, um so selbst zu erfahren, wie sich die verschiedenen Bodenarten anfühlten und wie sie unterschieden werden können.

 

Beim Abstieg von den Höhen der "Fleins"-Sandstein-Verebnung hinunter nach Aspach-Rietenau schließt sich der geologisch-bodenkundliche Kreis, als Manfred Krautter zu einem Abstecher in eine Tongrube der so genannten "Roten Wand" einer bekannten Tonschicht im mittleren Keuper, einlädt. "Nicht nur die Farbe dieser Schicht ist weinrot, sie hat noch einen weiteren Bezug zum Weinbau", so der Geologe, "die Winzer bauten diese kalk- und nährstoffreichen Mergel-Böden in solchen Tongruben ab, um sie auf ihre "ausgemergelten" (daher der Name) Weinberge zur Düngung auszubringen."

Und beim Thema "Wein" angelangt, dürfte en Exkursionsteilnehmern der Übergang zum wohl verdienten Feierabend dann wohl nicht allzu schwer gefallen sein.

 

Hintergrund-Information

Auf Initiative des damals für die Wälder um Aspach zuständigen Leiters des Forstamts Backnang, Helm-Eckart Hink, wurde, mit Unterstützung der Gemeinde Aspach, des Naturparks Schwäbisch-Fränkischer Wald, Revierförster Werner Gimmel und Prof. Siegfried Müller von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg, der "Keuper-Lehrpfad Aspach" vom damaligen Forstreferendar Christoph Schurr entwickelt und im Jahr 1988 eingeweiht. Im Kontext mit weiteren Lehrpfaden (Wein-Lehrpfads Kleinaspach,des Wald-Lehrpfads Fautenau und des Schulwalds Fautenau ) war es Ziel Hinks, der Bevölkerung Zusammenhänge in langfristigem Kontext zu erklären und zu veranschaulichen (dynamisches statt statisches Denken) und Demut vor der Natur und natürlichen Vorgängen zu wecken.

Prof. Dr. Manfred Krautter ist  Professor am Institut für Geologie und Paläontologie der Universität Stuttgart und Naturparkführer im Naturpark Schwäbisch-Fränkischer Wald.

 

Dipl. Forstwirt Dr. Gerhard Strobel war von 1988 bis 1991 Standortskartierer im Schwäbischen Wald und bis 2003 in verschiedenen Funktionen in der Forstverwaltung Baden-Württemberg tätig.

Bilder-Galerie

Hochauflösende Fotos

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Prof. Dr. Manfred Krautter erklärt die Keuper-Erdgeschichte
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Prof. Krautter am Bodenprofil "Fließerden" des Keuper-Lehrpfads
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Dr. Gerhard Strobel erläutert eine Erdstock-Bohrung
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Exkursionsteilnehmer Philipp Polosek versucht sich bei der Bodenprobe
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Ein Stück Mergelgestein aus der "Roten Wand"
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