Waldgefährdungen


Waldzustandsbericht 2019

Daten zum Wald, seinem Aufbau und Zuwachs finden Sie über die Seite Waldinventur.


 

Die Situation der Wälder Baden-Württembergs stellt sich im Jahr 2019 als sehr angespannt dar. Durch die sehr trockene und heiße Witterung der letzten beiden Jahre sind die Wälder im Land massiv geschwächt. Die extreme Dürreperiode 2018 führte auf vielen Standorten zu einer tiefreichenden Austrocknung des Waldbodens mit gravierenden Folgen für die Baumvitalität. In Kombination mit fehlendem Regen und hohen Temperaturen traten im Sommer 2019 an allen Hauptbaumarten und in allen Höhenlagen landesweit erhebliche Waldschäden auf.


Vielerorts führten die extreme Witterung und das Vorkommen von Schadinsekten zu einem Absterben zahlreicher Bäume und ganzer Waldbestände. Bei langanhaltendem Wassermangel versuchen Bäume, den Wasserhaushalt über eine möglichst geringe Verdunstung zu steuern. Bei Wasserdefizit werden im Frühjahr kleinere Nadeln bzw. Blätter ausgebildet, um weniger Verdunstungsfläche zu bieten. Zusätzlich kann die Nadel- und Blattmasse bei starker Trockenheit im Laufe des Jahres durch Abwerfen verringert werden. Ist das Wasserdefizit zu groß, reagiert der Baum mitteilweise ausgetrockneter Baumkrone oder stirbt im Extremfall ab. Die langanhaltende Schönwetterperiode während des Sommers mit geringen Niederschlägen und viel Sonnenschein begünstigte zudem die Entwicklung der Borkenkäfer, die sich rasch ausbreiteten und landesweit gravierende Schäden verursachten. Die von Trockenheit geschwächten Fichten und Tannen konnten den massenhaft auftretenden Käfern nichts entgegensetzen, so dass die Schadensfläche landesweit innerhalb kürzester Zeit ein erhebliches Ausmaß annahm.


Die diesjährigen Ergebnisse der Waldschadensinventur belegen den hohen Schädigungsgrad der Wälder in Baden-Württemberg. Mit 27,5 Prozent erreicht die mittlere Kronenverlichtung der Wälder aktuell den bisherigen Höchststand der gesamten Aufnahmeperiode der Waldschadensinventur seit 1985. Gegenüber dem Vorjahr stellt dies eine Erhöhung um 2,6 Prozentpunkte dar. Damit ist in zwei aufeinanderfolgenden Jahren eine deutliche Verschlechterung des Waldzustandes in Baden-Württemberg zu erkennen. Ein derartiger Anstieg der Waldschäden über mehrere Jahre hinweg wurde, abgesehen von den immissions-bedingten Waldschäden Ende der 1970er Jahre, im bisherigen Verlauf lediglich 1992/1993 bzw. 1995/1996 sowie in den Jahren 2003 bis 2006 festgestellt. Während die ersten beiden Schadereignisse vornehmlich durch Sturmwürfe (Vivian/Wiebke 1990) mit anschließendem Borkenkäferbefall sowie durch regional massiven Raupenschadfraß an der Eiche (1993 und 1996) verursacht wurden, ist der deutliche Anstieg der Waldschäden in den frühen 2000er Jahren auf klimatische Änderungen zurückzuführen. Nach dem Trockensommer 2003 wurde ähnlich wie nach der aktuellen Dürreperiode bei nahezu allen Baumarten eine Verschlechterung des Kronenzustandes mit Trocknisschäden und nachfolgendem massiven Borkenkäferbefall festgestellt. Seitdem ist keine Erholung des Waldzustandes auf das ursprüngliche Schadniveau eingetreten. Unter anderem, weil Belastungen, wie starke Fruchtausbildung, Insekten- und Pilzbefall sowie eine Versauerung der Waldböden im Zusammenspiel mit vermehrt auftretendem Witterungsstress die Widerstandsfähigkeit der Wälder zunehmend verringern.

Der Kronenzustand der Bäume steht in engem Zusammenhang mit dem Baumalter. Während jüngere Bäume im Mittel geringere Kronenschäden aufweisen, ist der Schädigungsgrad bei älteren Bäumen oftmals höher. Langjährige Untersuchungen der Waldschadensinventur belegen einen deutlichen Anstieg der Kronenverlichtung ab einem Alter von etwa 60 Jahren. Die Kronenverlichtung der Altersgruppen „bis 60 Jahren“ und „ab 61 Jahren“ zeigt eine weitgehend parallel verlaufende zeitliche Entwicklung, wenn auch auf unterschiedlich hohem Schädigungsniveau.

[Auszug aus dem Waldzustandsbericht 2019,
veröffentlicht am 28.10. 2019]

Kronenverlichtung 2019

Mittlerer Kronenverlichtungsgrad: 27,5% Nach Baumarten (in Klammer: Veränderungen gegenüber dem Vorjahr)

Fichte: 24,5% (+3,0%)

Tanne: 23,5% (+4,4%)

Kiefer: 31,4% (+4,1%)

Buche: 32,6% (+2,6%)

Eiche: 34,0% (+3,8%)

Esche: 40,9% (+3,5%)


Waldzustand Baden-Württemberg_Entwicklung der Schadstufenanteile seit 1985
Entwicklung des mittleren Nadel-/Blattverlusts nach Baumarten seit 2005

Entwicklung des Waldzustands in Baden-Württemberg, nach Schadstufen (links) und nach Hauptbaumarten (rechts)  von 1985 bis 2019 in Prozent aller Beobachtungen. (Zum Vergrößern auf die Grafiken klicken)

 

Neuere Werkzeuge der Waldzustandsbeschreibung und der waldbaulichen Planung sind die Vulnerabilitätskarten und die Karten der gegenwärtigen und zukünftigen Baumarten-Eignung.

Vulnerabilitätskarten

Die Vulnerabilitätskarten zeigen wie gefährdet die derzeit vorhanden Bestände zum jetzigen Zeitpunkt sind. Für die vier Hauptbaumarten Fichte, Buche, Traubeneiche und Weißtanne wird ein Gesamtwert auf Grundlage klimabedingter naturaler Risikofaktoren berechnet, wie z. B. Sturmwurfgefährdung oder Borkenkäferrisiko. Die Darstellung erfolgt in Brauntönen, je dunkler dieser ist, desto höher ist das Risiko für den Bestand.

 

Gesamt-Vulnerabilität 2019 im Rems-Murr-Kreis
Gesamt-Vulnerabilität 2019 im Rems-Murr-Kreis

Baumarten-Eignungskarten

Die Baumarten-Eignungskarten zeigen die Eignung der bei uns vorkommenden Hauptbaumarten Fichte, Buche, Traubeneiche und Weißtanne bei verändertem Klima für verschiedene Bezugszeitpunkte und Klimaszenarien. In Ampelfarben von grün (geeignet) bis rot (ungeeignet) erleichtert die Karte die Baumartenwahl, wenn durch Naturverjüngung oder Pflanzung eine neue Waldgeneration begründet werden soll. Der aktuelle Waldaufbau auf der Fläche ist dabei nicht berücksichtigt.

Beispiel: Baumarteneignung der Fichte im Rems-Murr-Kreis 2071 - 2100 bei angenommenem "RCP-Szenario 8,5"
Beispiel: Baumarteneignung der Fichte im Rems-Murr-Kreis 2071 - 2100 bei angenommenem "RCP-Szenario 8,5"

Geschichte der Waldschadensinventur

Ende der 1970er wurden - zunächst bei der Weißtanne - abnormale Nadelverluste festgestellt. Da sich diese so plötzlich einzustellen schienen, befürchtete man, dass die Weißtanne als Baumart aussterben könnte ("Tannen-Sterben"). Anfang der 1980er Jahre wurdenBesorgnis erregende Nadel- und Blattverluste auch an allen anderen Bäumen festgestellt. Das Szenario wurde zur apokalyptischen Vorstellung des "Waldsterbens" stilisiert.

 

Da die Schäden (bis zum Absterben ganzer Waldgebiete) am drastischsten in der Umgebung stark von Luftverschmutzung belasteter Industriezonen auftrat, suchte man zunächst in der Luftverschmutzung die Hauptursache. Die Diskussion führte zu politischen Schritten zur Luftreinhaltung, insbesondere zur Filterung und Reduktion von Schwefeldioxid und Stickoxiden, die man für die Bodenversauerung und damit indirekt für das "Waldsterben" verantwortlich machte ("Saurer Regen").

 

Als forstliche Umwelt-Monitoring-Maßnahme (Überwachung) wurde ab 1984 jährlich in Baden-Württemberg, bald darauf bundesweit, im Sommer eine "Waldschadensinventur" durchgeführt, deren Ergebnisse in einem Waldschadensbericht zusammengefasst wurden - später in Waldzustandsbericht umbenannt.

 

Dazu werden jährlich, teiweise in mehrjährigem Abstand, Untersuchungen durchgeführt. Dabei werden stets die selben Bäume in Raster-Stichproben (16x16, 8x8 und 4x4 km-Netz)  begutachtet.

Was wird untersucht?

Das Forstliche Umweltmonitoring in Baden-Württemberg umfasst viele verschiedene Themen und Messgrößen, die mit unterschiedlicher Intensität auf den Messnetzen untersucht werden. Hierzu zählen sowohl baumbezogene wie auch standörtliche Parameter, die zwischenzeitlich so gut miteinander vernetzt sind, dass themenübergreifende Auswertungen möglich sind.

 

Untersuchungsschwerpunkte im Einzelnen sind: der Kronenzustand, die Phänologie, der Zuwachs und die Ernährungssituation der Bäume sowie der Bodenzustand und die Bodenvegetation, der Wasser-, Nähr- und Schadstoffhaushalt sowie der Witterungsverlauf.

 

Der Aufbau des Forstlichen Umweltmonitorings gliedert sich systematisch in zwei Ebenen:

  • Die erste Ebene bilden die extensiv untersuchten Rasterstichproben, die aufgrund des hohen Stichprobenumfangs und der streng systematischen Auswahl der Stichprobenpunkte repräsentative Ergebnisse für die Waldfläche Baden-Württembergs liefern.
  • Die zweite Ebene bilden die Versuchsflächen, auf denen je nach Untersuchungsschwerpunkt eine große Anzahl von verschiedenen Untersuchungen durchgeführt wird.

Quelle: Auszüge aus dem Waldzustandsbericht 2016 (FVA BaWü)

Welche Maßnahmen wurden bisher ergriffen?

Als wichtigste politische Gegenmaßnahme wurde eine konsequente Luftreinhaltepolitik betrieben (z.B. TA Luft).

Um der Versauerung der Böden Einhalt zu gebieten, wurden in Baden-Württemberg die am Stärksten betroffenen (versauerten) Waldstandorte mit dem Ziel der Stabilisierung der Böden einer Bodenschutzkalkung unterzogen.
Waldbaulich wurde im Rahmen der Naturnahen Waldwirtschaft das Ziel, stabile Mischbestände zu erziehen, verstärkt.

Weiterführende Infos