Waldgefährdungen

Zusammengefasste Ergebnisse des Waldzustandsbericht 2021


Allgemeine Erhebungsdaten zum Wald, seinem Aufbau und Zuwachs finden Sie auf der Seite Waldinventur.


Der Zustand des Waldes in Baden-Württemberg hat sich gegenüber den Vorjahren unter dem Einfluss der phasenweise kühl-feuchten Witterung des Jahres 2021 leicht erholt. Die vergleichsweise hohen Niederschlagsmengen bedingten eine gute Wasserversorgung der Bäume, die während des regenreichen Sommers kaum längere Trockenphasen überstehen mussten. Aufgrund der günstigen Wuchsbedingungen und des insgesamt abnehmenden Schädlingsbefalls verringerte sich die mittlere Kronenverlichtung im Jahr 2021 leicht um 1,6 Prozentpunkte auf 26,6 Prozent. Trotz dieser Erholungstendenz sind jedoch weiterhin 42 Prozent der Waldfläche in Baden-Württemberg deutlich geschädigt.

Die trockene Witterung der letzten Jahre hat die hohe Anfälligkeit der Fichte gegenüber Dürre und Borkenkäferbefall in besonderer Weise aufgezeigt. Bis in die Hochlagen des Schwarzwaldes kam es zum Teil zu gravierenden Schäden. Im
aktuellen Jahr hemmte die über weite Strecken kühl-feuchte Witterung die Ausbreitung der Käfer, so dass gebietsweise deutlich weniger Fichten befallen wurden. Zugleich profitierte die Fichte von der entspannten Wasserhaushaltssituation, was sich in diesem Jahr insgesamt positiv auf den Kronenzustand auswirkte. Im Vergleich zum Vorjahr verringert sich der mittlere Nadelverlust bei der Fichte um 1,1 Prozentpunkte auf 24,7 Prozent.
Dagegen zeigt die Tanne aktuell keine Verbesserung im Kronenzustand. Gegenüber dem Vorjahr erhöht sich der mittlere Nadelverlust leicht um 0,8 Prozentpunkte auf 24,0 Prozent. Während sich bei der Fichte in diesem Jahr zumindest gebietsweise eine Entspannung der Borkenkäferproblematik abzeichnet, ist die Populationsdichte der Tannenborkenkäfer weiterhin sehr hoch. Viele Tannen wurden während des Sommers von verschiedenen Borkenkäferarten befallen und zum Absterben gebracht. Zunehmend belastend wirkt sich auch der Befall durch die Mistel aus, die durch Wasser- und Nährstoffentzug zu einer langfristigen Schwächung der betroffenen Tannen führen kann.
Ein starker Mistelbefall ist auch an der Baumart Kiefer auf Standorten des Oberrheinischen Tieflandes festzustellen.  Hier kommt es in Kombination von Trockenstress, Mistel- und Pilzbefall nicht selten zu einem flächigen Absterben ganzer Kiefernbestände. Auf anderen Standorten in Baden-Württemberg, etwa auf der Schwäbischen Alb oder im
Nordschwarzwald, erscheint die Kiefer dieses Jahr dagegen recht vital und wüchsig. Dies wird begünstigt durch eine
geringe Blüte und Fruktifikation. Der mittlere Nadelverlust der Kiefer verringert sich landesweit um 1,1 Prozentpunkte auf 31,3 Prozent.
Im Vergleich zu den Baumarten Fichte, Tanne und Kiefer kommen Lärche und Douglasie in Baden-Württemberg mit
deutlich geringeren Anteilen vor. Während die Lärche als typische Gebirgsbaumart bereits seit einigen Jahren teils
deutliche Vitalitätseinbußen zeigt, ist für die im Durchschnitt weit jüngeren Douglasien dieses Jahr erstmals wieder eine Verbesserung im Kronenzustand zu erkennen. Der mittlere Nadelverlust erhöht sich bei der Lärche um 2,5 Prozentpunkte auf 24,7 Prozent, bei der Douglasie verringert er sich um 2,1 Prozentpunkte auf 20,4 Prozent.
Eine Erholung des Kronenzustandes ist bei der Buche festzustellen. Nachdem die Buche im letzten Jahr durch starken
Fruchtbehang und Trockenstress erheblich belastet war, verringert sich der mittlere Blattverlust in diesem Jahr um
3,8 Prozentpunkte auf 31,4 Prozent. Nichtsdestotrotz ist der Schädigungsgrad der Buchen weiterhin sehr hoch. An zahlreichen Bäumen sind die Belastungen der vergangenen Jahre in Form von Kronen- und Stammschäden weiterhin deutlich sichtbar.

Bei der Eiche wirkte sich dieses Jahr der erhöhte Befall durch Eichenmehltau negativ auf den Kronenzustand aus. Zudem wurde regional ein leicht erhöhter Blattfraß durch verschiedene Raupenarten der sogenannten Eichenschadgesellschaft festgestellt. Insgesamt erhöht sich so der mittlere Blattverlust der Eichen um 1,9 Prozentpunkte auf 30,4 Prozent.
Die Vitalität der Esche wird seit einigen Jahren durch den pilzlichen Erreger des Eschentriebsterbens beeinträchtigt, der nachhaltig die Triebe der Bäume schädigt und im weiteren Verlauf den ganzen Baum zum Absterben bringt. Die Mortalitätsrate der Eschen ist deshalb immer noch deutlich erhöht. Da in den letzten Jahren aufgrund der trockenen Witterung weniger Eschen mit dem pilzlichen Erreger infiziert wurden, hat sich in diesem Jahr, begünstigt durch die guten Wuchsbedingungen, der Kronenzustand verbessert. Der mittlere Blattverlust verringert sich um 3,0 Prozentpunkte auf 40,1 Prozent. Jedoch ist nach dem diesjährigen niederschlagsreichen Jahr wieder mit einer verstärkten Verbreitung des Eschentriebsterbens im nächsten Jahr zu rechnen.
Ebenfalls verbessert hat sich der Kronenzustand des Bergahorns. Der mittlere Blattverlust verringert sich um 1,6 Prozentpunkte. Da das Durchschnittsalter der Baumart Bergahorn im Vergleich zu allen anderen deutlich geringer ist, fällt auch das Schadniveau mit 16,4 Prozent entsprechend niedriger aus. Lokal wurden dieses Jahr an Bergahorn Schäden durch die Weißfleckigkeit beobachtet, ein Blattpilz, der sich bei nasser Witterung besonders gut in schlecht durchlüfteten Jungbeständen ausbreiten kann.


Berechnung der Schadstufen (aus "Waldzustandsbericht 2021 Baden-Württemberg)
Berechnung der Schadstufen (aus "Waldzustandsbericht 2021 Baden-Württemberg)

Kronenverlichtung 2020

Mittlerer Kronenverlichtungsgrad: 26,6%
nach Baumarten
(in Klammern: Veränderungen gegenüber dem Vorjahr)

Fichte: 24,7% (-1,1%)

Tanne: 24,0% (+0,8%)

Kiefer: 31,3% (-1,1%)

Buche: 31,4% (-3,8%)

Eiche: 30,4% (+1,9%)

Esche: 43,1% (+2,2%)

Nach den gravierenden Waldschäden in Folge der extremen Dürre- und Hitzeperiode, die in dem sehr außergewöhnlich trockenen und heißen Jahr 2018 einsetzte, sind die Wälder nach wie vor sehr geschwächt. Zwar haben die hohen Niederschlagsmengen und vergleichsweise kühlen Temperaturen in diesem Jahr für eine Erholung gesorgt, jedoch sind die entstandenen Schäden vielerorts weiterhin in den Wäldern sichtbar. In Folge des Klimawandels muss davon ausgegangen werden, dass solche Witterungsextreme wie in den letzten Jahren zukünftig häufiger und mit zunehmender Intensität auftreten.

Eine besonders große Gefahr für die Wälder stellte in den vergangenen Jahren die Massenvermehrung des Buchdruckers dar, die in weiten Regionen Baden-Württembergs ausgedehnte Kalamitäten in Fichtenbeständen verursachte. Mit den im Notfallplan Wald gebündelten Maßnahmen zur Borkenkäferbekämpfung soll ein effizientes Instrumentarium etabliert werden, welches landesweit über alle Waldbesitzarten hinweg das Borkenkäfermanagement zielführend organisiert und unterstützt. Neben der schnellen Aufarbeitung und Abfuhr befallenen Holzes steht dabei die schnelle, personelle und sachkostenbezogene Unterstützung der betroffenen Waldbesitzenden im Vordergrund. Zudem wird die landesweite Holzvermarktung gestärkt und die Beratung und Betreuung intensiviert.

Nicht zuletzt wurde das bestehende Borkenkäfermonitoring der FVA Baden-Württemberg ausgebaut und optimiert, um zukünftig noch verlässlichere, zeitlich und räumlich differenzierte Informationen zur aktuellen Borkenkäferentwicklung und entsprechende Handlungsempfehlungen für Waldbewirtschaftende bereitstellen zu können.

Der bereits jetzt spürbare Klimawandel wird zwangsläufig zu einer Veränderung der Waldökosysteme führen; die teils massiven Waldschäden sind hierfür eindrückliche Vorzeichen.


Vor diesem Hintergrund ist es zwingend notwendig, ein umfassendes Krisenmanagement auch für andere klimawandelbezogene Gefahren zu erarbeiten. Denn neben Schäden durch Borkenkäfer in Fichten- und Tannenbeständen deuten sich für weitere wirtschaftlich bedeutende Baumarten ebenfalls massiv zunehmende klimabedingte Risiken an. Zu nennen ist hier in erster Linie die Buche, die augenfällig unter der extremen Wasserknappheit der Jahre 2018/2019 litt. In vielen Regionen starben zahlreiche Buchen unter Trockenstress spontan ab. An geschwächten Buchen ist nach wie vor ein hoher Anteil an Totästen, Stammabbrüchen sowie aufgeplatzte Rinde durch Sonnenbrand zu erkennen, die geeignete Eintrittspforten für
verschiedene Pilze und Stammfäuleerreger darstellen. Erhebliche Folgeschäden können hierdurch entstehen und die Bewirtschaftung der Wälder und die Arbeits- und Verkehrssicherheit stark beeinflussen. Des Weiteren zeichnet sich im Oberrheinischen Tiefland seit einigen Jahren bereits ein flächiges Absterben der Kiefer ab, die mit der sehr trockenen und warmen Witterung dieser Region zunehmend schlechter zurechtkommt. Zudem ist, unabhängig von klimatischen Veränderungen, die Baumart Esche durch das mittlerweile landesweit verbreitete Eschentriebsterben in ihrer Existenz massiv bedroht.

[Auszug aus dem Waldzustandsbericht 2021]

 

Waldzustand Baden-Württemberg_Entwicklung der Schadstufenanteile seit 1985
Entwicklung des mittleren Nadel-/Blattverlusts nach Baumarten seit 2005

Entwicklung des Waldzustands in Baden-Württemberg, nach Schadstufen (links) und nach Hauptbaumarten (rechts)  von 1985 bis 2021 in Prozent aller Beobachtungen. (Zum Vergrößern auf die Grafiken klicken)

 

Neuere Werkzeuge der Waldzustandsbeschreibung und der waldbaulichen Planung sind die Vulnerabilitätskarten und die Karten der gegenwärtigen und zukünftigen Baumarten-Eignung.

Vulnerabilitätskarten

Die Vulnerabilitätskarten zeigen wie gefährdet die derzeit vorhanden Bestände zum jetzigen Zeitpunkt sind. Für die vier Hauptbaumarten Fichte, Buche, Traubeneiche und Weißtanne wird ein Gesamtwert auf Grundlage klimabedingter naturaler Risikofaktoren berechnet, wie z. B. Sturmwurfgefährdung oder Borkenkäferrisiko. Die Darstellung erfolgt in Brauntönen, je dunkler dieser ist, desto höher ist das Risiko für den Bestand.

 

Gesamt-Vulnerabilität 2019 im Rems-Murr-Kreis
Gesamt-Vulnerabilität 2019 im Rems-Murr-Kreis

Baumarten-Eignungskarten

Die Baumarten-Eignungskarten zeigen die Eignung der bei uns vorkommenden Hauptbaumarten Fichte, Buche, Traubeneiche und Weißtanne bei verändertem Klima für verschiedene Bezugszeitpunkte und Klimaszenarien. In Ampelfarben von grün (geeignet) bis rot (ungeeignet) erleichtert die Karte die Baumartenwahl, wenn durch Naturverjüngung oder Pflanzung eine neue Waldgeneration begründet werden soll. Der aktuelle Waldaufbau auf der Fläche ist dabei nicht berücksichtigt.

Beispiel: Baumarteneignung der Fichte im Rems-Murr-Kreis 2071 - 2100 bei angenommenem "RCP-Szenario 8,5"
Beispiel: Baumarteneignung der Fichte im Rems-Murr-Kreis 2071 - 2100 bei angenommenem "RCP-Szenario 8,5"

Geschichte der Waldschadensinventur

Ende der 1970er wurden - zunächst bei der Weißtanne - abnormale Nadelverluste festgestellt. Da sich diese so plötzlich einzustellen schienen, befürchtete man, dass die Weißtanne als Baumart aussterben könnte ("Tannen-Sterben"). Anfang der 1980er Jahre wurdenBesorgnis erregende Nadel- und Blattverluste auch an allen anderen Bäumen festgestellt. Das Szenario wurde zur apokalyptischen Vorstellung des "Waldsterbens" stilisiert.

 

Da die Schäden (bis zum Absterben ganzer Waldgebiete) am drastischsten in der Umgebung stark von Luftverschmutzung belasteter Industriezonen auftrat, suchte man zunächst in der Luftverschmutzung die Hauptursache. Die Diskussion führte zu politischen Schritten zur Luftreinhaltung, insbesondere zur Filterung und Reduktion von Schwefeldioxid und Stickoxiden, die man für die Bodenversauerung und damit indirekt für das "Waldsterben" verantwortlich machte ("Saurer Regen").

 

Als forstliche Umwelt-Monitoring-Maßnahme (Überwachung) wurde ab 1984 jährlich in Baden-Württemberg, bald darauf bundesweit, im Sommer eine "Waldschadensinventur" durchgeführt, deren Ergebnisse in einem Waldschadensbericht zusammengefasst wurden - später in Waldzustandsbericht umbenannt.

 

Dazu werden jährlich, teiweise in mehrjährigem Abstand, Untersuchungen durchgeführt. Dabei werden stets die selben Bäume in Raster-Stichproben (16x16, 8x8 und 4x4 km-Netz)  begutachtet.

Was wird untersucht?

Das Forstliche Umweltmonitoring in Baden-Württemberg umfasst viele verschiedene Themen und Messgrößen, die mit unterschiedlicher Intensität auf den Messnetzen untersucht werden. Hierzu zählen sowohl baumbezogene wie auch standörtliche Parameter, die zwischenzeitlich so gut miteinander vernetzt sind, dass themenübergreifende Auswertungen möglich sind.

 

Untersuchungsschwerpunkte im Einzelnen sind: der Kronenzustand, die Phänologie, der Zuwachs und die Ernährungssituation der Bäume sowie der Bodenzustand und die Bodenvegetation, der Wasser-, Nähr- und Schadstoffhaushalt sowie der Witterungsverlauf.

 

Der Aufbau des Forstlichen Umweltmonitorings gliedert sich systematisch in zwei Ebenen:

  • Die erste Ebene bilden die extensiv untersuchten Rasterstichproben, die aufgrund des hohen Stichprobenumfangs und der streng systematischen Auswahl der Stichprobenpunkte repräsentative Ergebnisse für die Waldfläche Baden-Württembergs liefern.
  • Die zweite Ebene bilden die Versuchsflächen, auf denen je nach Untersuchungsschwerpunkt eine große Anzahl von verschiedenen Untersuchungen durchgeführt wird.

Quelle: Auszüge aus dem Waldzustandsbericht 2016 (FVA BaWü)

Welche Maßnahmen wurden bisher ergriffen?

Als wichtigste und wirkungsvollste politische Gegenmaßnahme wurde Ende der 1990er Jahre eine konsequente Luftreinhaltepolitik betrieben (z.B. TA Luft).

 

Um der Versauerung der Böden Einhalt zu gebieten, wurden in Baden-Württemberg die am Stärksten betroffenen (versauerten) Waldstandorte mit dem Ziel der Stabilisierung der Böden einer Bodenschutzkalkung unterzogen.


Waldbaulich wurde im Rahmen der Naturnahen Waldwirtschaft das Ziel, stabile Mischbestände zu erziehen, verstärkt.

 

Weiterführende Infos

Exkurs: Waldkalkung


Die Bodenschutzkalkung im Wald ist ein Instrument zur Kompensation von externen Säureeinträgen, zur Rege­neration von Boden­funk­tionen und zum Erhalt bzw. zur Verbes­serung der Boden­frucht­bar­keit.

Wald­böden besitzen eine natürliche Puffer­kapazität gegenüber Säuren, die vom Ausgangs­gestein und der histo­rischen Ent­wick­lung der Böden abhängt. Durch den Eintrag des „sauren Regens“ sind die pH-Werte sehr niedrig. Das bedeutet, dass für das Waldwachstum wichtige Nährstoffe wie Calcium, Magnesium und Kalium großteils bereits verloren gegangen sind, und das Bodenmilieu sehr ungesund für Pflanzenwurzeln geworden ist. Auch viele Boden­tiere und Pilze vertragen zu große Säure­stärken nicht.
Die Böden sind nur über einen langen Zeit­raum von mehreren Jahr­zehnten bis Jahr­hunderten in der Lage, die ver­loren­gegangenen Eigenschaften aus „eigener Kraft“, d.h. durch die Verwitterungsvorgänge,wieder zu regenerieren, sodass die Standorte dauerhaft geschädigt bleiben bzw. dauerhaft in einen saureren Status übergegangen sind.

Seit 2010 zielt das in Baden-Württem­berg durch­geführte Kalkungs­programm auf eine lang­fristige Rege­neration der natürlichen chemischen Ausstattung der Wald­böden. Dieses auf den je­wei­ligen Wald­standort ab­gestimm­te Kalkungs­konzept zielt auf eine Wieder­annähe­rung des Bodens an einen vor- bzw. frühindustriellen chemischen Zustand.


(Quelle: FVA BaWü (Waldzustandsbericht 2020)