Waldgeschichte in Mitteleuropa
Waldaufbau als Ergebnis der Waldgeschichte
Die Baumartenzusammensetzung und Vitalität der Wälder hängt von vielen Einflussgrößen ab - etwa der Geologie, der Bodenentwicklung, dem Regionalklima, aber auch dem Kleinklima vor Ort (zum Beispiel beeinflusst durch Hangrichtung oder Geländemorphologie -Talsenke, exponierte Höhenlage, Plateaulage).
Ausser von den natürlichen Einflussgrössen sind unsere Wälder durch ihre geschichtliche Entwicklung geprägt:
Entwicklung der Waldfläche und Baumartenanteile
in Baden-Württemberg
(nach Kohnle und Weidenbach, 2011)
Eine Vorstellung von der Einflussnahme des Menschen auf Waldflächenentwicklung und Baumarten-Zusammensetzung gibt nebenstehende Grafik.
Prähistorische Waldgeschichte
Vor rund 400 Millionen Jahren entwickelten sich aus den Wasserpflanzen die ersten einfachen Landpflanzen.
Steinkohlen-Sumpf in der Karbonzeit
((nach Burian)
Doch erst vor rund 300 Millionen Jahren entstanden die ersten Bäume. Im Karbon - der Steinkohlezeit - wuchsen die bekannten riesigen Wälder mit den Bärlapp-, Farn- und Schachtelhalmbäumen in einem günstigen feuchten und tropischen Klima.
Wegen des feuchten Klimas zersetzte sich die Biomasse häufig nach dem Absterben der Pflanzen nicht, sondern "verkohlte" unter Wasser und Luftabschluss.
In dieser erdgeschichtlichen Epoche wurde Kohlendioxid in großem Umfang in Pflanzen und deren Umwandlungs-Produkten, der "Steinkohle" oder dem Erdöl, für Jahrmillionen festgelegt. Durch neuzeitlichen Abbau und Verwendung als Treibstoff oder Heizmaterial werden die in diesen Energieträgern festgelegten Kohlenstoffe wieder als Kohlendioxid in großem Umfang freigesetzt (siehe Klimawandel).
Nach dem Rückgang der Bärlapp-, Farn- und Schachtelhalmbäume aufgrund des später trockeneren Klimas entstanden vor 270 Millionen Jahren unsere Nadelbäume. Über 200 Millionen Jahre beherrschten dann die Nadelbäume das Landschaftsbild. In dieser Zeit entwickelte sich auch eine Baumart, die als erdgeschichtliches Relikt bis heute überlebt hat: der Ginkgo. Der Ginkgobaum ist eine Übergangsart zwischen den Nadel- und Laubbaumarten.
Vor rund 100 Millionen Jahren entwickelten sich schließlich die Laubbäume und wurden zum vorherrschenden Wald. Dann begann sich das Klima auf der nördlichen Halbkugel vor etwa einer Million Jahre stark abzukühlen. Von 600.000 bis 12.000 v. Chr. lösten vier Eiszeiten mit wärmeren Zwischenzeiten das vormalige Warm-Klima ab.
Nach der Eiszeit schmolzen die der großen Inlandgletscher infolge einer Klimaerwärmung ab und zogen sich bis auf Relikte in den Hochgebirgen zurück. Die Vegetation eroberte die Flächen zurück. Allerdings waren viele Pflanzenarten ausgestorben oder eine Rückwanderung von Süden nach Norden war durch in Mitteleuropa durch die Alpen erschwert. Die Folge war eine viel artenärmere Flora als vor der Eiszeit. In die tundrenartige Flora wanderten zunächst sogenannte Pionierbaumarten, wie z.B. Birken und Kiefern, ein. Dann kamen mit zunehmender Temperatur Haselstrauch und Eichen.
Nacheiszeitliche Waldgeschichte
Abriß der Waldgeschichte
In einer warmen Zeitepoche von 5.500 bis 2.500 v. Chr. dehnten sich die Mischwälder aus Eichen, Linden, Ulmen und Eschen aus. Das dann folgende etwas kühlere und feuchtere Klima führte dazu, dass die Eichen sich auf die Ebenen zurückgezogen haben, während die Buchen heute ohne menschlichen Eingriff die am weitesten verbreiteten Bäume wären.
Von Natur aus müssen etwa 80 bis 85 Prozent der Landoberfläche Baden-Württembergs von Wald bestockt gewesen sein. Waldfrei waren einst lediglich größere Moorlandschaften, beispielsweise das Federsee-Moor bei Bad Buchau.
In der Region des heutigen Baden-Württemberg hatten Buchenwälder den größten Flächenanteil am Naturwald. In den wärmeren, tiefergelegenen Lagen trat die Eiche stärker in den Vordergrund, in Mittelgebirgen, wie dem Schwarzwald oder dem Schwäbischen Wald spielen von Natur aus die Nadelbäume, vor allem die Tanne, eine größere Rolle. Die Wald-Zusammensetzung aus Pollenanalysen verschieden tiefer Torfmoor-Schichten abgeleitet.
Der Mensch verändert die Landschaft
Die Zeit um 5500 v. Chr. markiert in Mitteleuropa den Beginn der Jungsteinzeit. Diese ist für die Waldgeschichte deshalb von großer Bedeutung, weil sich etwa zu dieser Zeit der Übergang von der aneignenden zur produzierenden Wirtschaftsweise vollzog. Es war der Beginn von Viehhaltung und Ackerbau. Hatte der Mensch die Wälder lediglich passiv als Jäger und Sammler genutzt, bedingte die neue landwirtschaftliche Lebensweise die Rodung von Wäldern.
Mit dem Übergang vom Jäger und Sammler zum seßhaften Bauern begann der Mensch den Wald zurückzudrängen. Rodungen beschränkten sich anfangs auf die fruchtbarsten Böden in tieferen Lagen, denn die Bevölkerungsdichte war - verglichen mit heute - äußerst gering. Die Mittelgebirgswälder blieben bis ins Mittelalter weitgehend unangetastet. Noch der römische Schriftsteller TACITUS (55-120 n. Chr.) beschrieb Germanien noch als Land "mit unheimlichen Wäldern und abscheulichen Sümpfen", also als weitgehende Wildnis.
Wald-Entwicklung im Wandel gesellschaftlicher Bedürfnisse
Im Mittelalter verstärkte sich der Einfluss der Menschen auf den Wald. Von den Rodungen für Acker- und Weideland waren vor allem die fruchtbaren Laubwaldböden betroffen, so dass sich bereits damals der Nadelwaldanteil erhöhte. Holz diente bis zum Ende des vergangenen Jahrhunderts vor allem zum Heizen, Kochen und als Baumaterial für Häuser.
Im späteren Mittelalter, insbesondere als Folge des Dreißigjährigen Krieges konnte sich die Waldfläche wieder etwas ausdehnen. Während der Wald noch im Mittelalter lediglich als Siedlungshindernis und als „Unland", bestenfalls als Jagdterritorium gesehen wurde, erkannte man mehr und mehr den Nutzen des Waldes als Weideland. Mit der Waldweide war die Eiche wegen der Eichel-(Schweine-) Mast stark gefördert worden. Im „Mittelwaldbetrieb" sorgten alte, starke Eichen für die Eichelmast und den Bauholzbedarf; periodisch gehauenes Unterholz diente der Brennstoffversorgung.
Nach der Einführung der Viehhaltung im Stall wurden benötigte man Einstreu im Stall; hierzu wurde ab da jahrhundertelang Blätter und die belebte Humusschicht im Wald abgetragen und später als Mist-Dünger auf die Äcker ausgebracht. Das führte dazu, dass der Waldboden mit der Zeit verarmte, mancherorts sogar biologisch tot war. Die Streunutzung war einer der waldschädlichsten Eingriffe. Sie wurde aber erst Mitte des 20. Jahrhundert eingestellt.
Vom 16. bis 19. Jahrhundert wurden für die großen Kolonial- und Handelsflotten „Holländertannen“ vom Schwarzwald auf dem Rhein bis nach Holland geflößt, so dass der Schiffsbau stark zum Niedergang der Wälder beigetragen hat. Zusätzlich große Holzmengen benötigten im Mittelalter der Bergbau, die Glashütten und die Salinen zum Schmelzen und Sieden.
Vom Hochmittelalter bis ins 18. Jahrhundert nahm der Holzbedarf im Zuge der einsetzenden Industrialisierung stetig zu. Bergbau, Erz- und Glasverhüttung sowie Salinen (Salzbergwerke) und der Schiffsbau machten riesige Mengen Holz als Bau- und Brennstoff erforderlich (Kohle und Öl standen dafür noch nicht zur Verfügung). Das damit verbundene zunehmende Bevölkerungswachstum (heizen, kochen, bauen) tat ein übriges. Der Holzeinschlag erfolgte meist völlig ungeregelt und ohne Rücksicht auf die Leistungsfähigkeit des Waldes. Die Menschen drangen immer tiefer in die großen Waldgebiete (Schwarzwald, Schwäbischer Wald, Odenwald) zur Holznutzung vor. Um den immer weiteren Transport zu bewerkstelligen, nutzte man die Methoden der Flößerei (Transport aus dem Wald auf dem Wasser in die Städte) und die Köhlerei (Durch die Holzverkohlung wurde das Gewicht bei fast gleichbleibendem Heizwert drastisch reduziert. Siehe Alte Waldgewerbe)
So kann man sich den Waldzustand zu Beginn des 19. Jahrhunderts etwa wie folgt vorstellen:
Alpirsbach 1839
(Quelle: Müller / Freudenstadt)
Alpirsbach um 2000
(Foto: P. Weidenbach)
Nachhaltigkeit als Richtschnur forstlichen Handelns
Im Zuge der entstehenden Holznot schlug die Geburtsstunde des Gedankens der Nachhaltigkeit als Richtschnur einer geregelten Forstwirtschaft sowie der Forstwissenschaften.
Im 19. Jahrhundert wurden infolge einer Holzmangelsituation große Flächen vorrangig mit Fichten und Kiefern aufgeforstet, da diese beiden unempfindlichen Baumarten bei gleichzeitig gutern Holzeigenschaften und einer guten Holzausbeute die geringsten Schwierigkeiten bereiteten. Zudem stellten diese Nadelbaumarten, großflächig als Monokulturen gepflanzt, die geringsten Ansprüche an die Ausbildung der Förster und Waldarbeiter.
Dennoch waren diese flächigen Aufforstungen eine Kulturtag erster Güte, denn es entstanden wieder Wälder. Diese Anstrengungen setzten sich bis weit ins 20. Jahrhundert hinein fort. Solange der Wald lediglich als Holzproduzent gesehen wurde und vergleichsweise beachtliche Erträge abwarf, konnte sich die Fichte lange als relativ anspruchslose und unkomplizierte „Brotbaumart" durchsetzen.
Mit wachsenden Erkenntnissen und Erfahrungen um biologische und ökologische Zusammenhänge und mit rasch wachsender Bedeutung anderer Waldfunktionen wurde mehr und mehr Wert auf einen vielfältigen Waldbau gelegt. Der endgültigen Durchbruch einer naturnahen Waldbewirtschaftung auf großer Fläche markierten die beiden "Jahrhundert-Orkane" Vivien / Wiebke 1990 und Lothar 1999. Standortswidrige Nadelholz-Reinbestände wurden von den Stürmen geworfen oder so stark in Mitleidenschaft gezogen, dass sie einem nachfolgenden jahrelangem Borkenkäfer-Befall zum Opfer fielen.
Heute nimmt der Wald in Baden-Württemberg knapp 1,4 Millionen Hektar der Landesfläche ein. Die nachhaltige, naturnahe und multifunktionale - also viele gesellschaftliche und ökologische Erfordernisse erfüllende - Waldwirtschaft der Weg der Zukunft zu sein. Dennoch wird Wald auch heute noch - von anderen Faktoren - gefährdet oder in seiner Existenz bedroht:
Die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald setzt sich deshalb seit 1948 dafür ein, dem Wald eine möglichst breite gesellschaftlich-politische Lobby zur Seite zu stellen.
Exkurs: Alte Waldgewerbe
Jahrtausendelang war Holz praktisch die einzige Energiequelle zum Heizen, Kochen oder zum Schmelzen von Metall (Schmieden von Werkzeugen, Beschlägen, aber auch Waffen).
Der Mensch nutzte den Wald stets entsprechend seinen momentanen Ansprüchen. Die sind naturgemäß heute zum Teil völlig andere als vor hundert Jahren und davor. Erfüllt der Wald in der modernen Gesellschaft eine große Fülle von Aufgaben (siehe Waldfunktionen), so war der Wald im Altertum bis ins Mittelalter vor allem Holz- und Energielieferant sowie Nahrungsgrundlage (Wild, Waldfrüchte, Waldweide).
Damit alte Waldnutzungsformen nicht in Vergessenheit geraten, werden sie auf dieser Seite vorgestellt:
Köhlerei
Köhlerei im Schwäbischen Wald
©Foto: Dr. G. Strobel
Mit beginnender Industrialisierung wurde Holz darüber hinaus als Energiequelle für die Gewinnung von Salz, das Schmelzen von Glas oder die Eisenverhüttung benötigt.
Für einen langen Transport zu den Industrieanlagen standen für den schweren Rohstoff Holz zunächst wenige geeigneten Möglichkeiten zur Verfügung. So wurde Holz auf dem Wasserweg geflösst oder zu Holzkohle verkohlt. Mit der Holzverkohlung verminderte sich das Transportgewicht bei fast unverändertem Heizwert auf einen Bruchteil.
2012 hat sich der Köhlerverein Schwäbischer Wald e.V. gegründet, um die Kenntnisse der Köhlerei aufzufrischen und weiterzugeben. Einen lebhaften Überblick über die Mission diese kleinen Vereins geben die Aktionen "Köhlerwoche" im Jahr 2017, 2019, 2021 und 2022. Hier sind vertiefende Informationen zur Holzköhlerei hinterlegt.
Weitere Infos: FVA BaWü: Waldberufe aus Urgroßvaters Zeiten: Der Köhler
Flößerei
Schild am Treibsee: Flö0erei
ForstBW
Flößerei und Trift (von „treiben“ im Sinne von „treiben lassen“) beschreiben den Transport von schwimmenden Baumstämmen, Scheitholz oder Schnittholz auf Wasserstraßen, wie er bis etwa zum Beginn, gelegentlich auch bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts üblich war.
Wurde im Schwarzwald Langholz über Riesen (Holzrutschen) die Hänge herunter gerutscht, auf den Rheinzuflässen zu Flößen zusammengebunden und schließlich auf dem Rhein nach Holland für Städte- und Schiffsbau geflößt (Wolfacher Kinzigflößer), so spielte im Schwäbischen Wald wegen der kurzen und kleinen Neckarzuflüsse vor allem das Kurzholzflössen eine Rolle.
So wurde zum Beispiel der Ebnisee im Jahr 1735 für die Flößerei künstlich angelegt. Damals sorgte der steigende Brennholzbedarf der Städte Stuttgart und Ludwigsburg für eine wichtige Einnahmequelle. Auf einem 22 Kilometer langen Flussweg transportierte man das Holz talwärts in Richtung Neckar.
Die Kurzholzflößerei funktionierte so, dass man an geeigneter Stelle einen Bach anstaute und das Kurzholz vor den Damm beförderte - zum Beispiel im Winter über den "Schlittenweg" von Nestelberg am Kocher zum Ebnisee.
Öffnete man den Damm, so wurde das Holz in dem entstehenden Wasserschwall mitgerissen und zu Tal befördert.
Am Bachunterlauf wurde das Kurzholz später wieder aus dem Wasser geholt und zum Zielort transportiert.
Im Jahr 1861 wurde die Flößerei am Ebnisee eingestellt.
Weitere Infos
Waldglas-Herstellung
Köhlerei im Schwäbischen Wald
©Foto: https://waldglas.com
Als Waldglas bezeichnet man durch Eisenoxide grünlich gefärbtes Pottascheglas, welches vom Mittelalter bis zur frühen Neuzeit (etwa 12. bis 17. Jahrhundert) nördlich der Alpen in Waldglashütten hergestellt wurde. Waldglas benennt auch die entsprechende Epoche der Glasgeschichte. Die Waldglasherstellung fand mit dem Ansteigen der Holzpreise, bedingt durch den Rückgang an Waldflächen und damit einem Mangel an Brennmaterial, im 19. Jahrhundert ihr Ende.
Rohstoff der Waldglasherstellung im Schwäbischen Wald war Quarzsand aus den Sandsteinen des mittleren Keupers. Als Schmelzmittel diente aus Pflanzenasche gewonnenes Kaliumcarbonat („Pottasche“).
Weitere Infos:
Weitere Informationen zu alten Waldgewerben finden Sie auf der Homepage der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg:
