An diesem strahlenblauen Nachmittag Ende April lädt die SDW Rems-Murr e.V. zum Waldspaziergang mit Förster Paul Bek, dem Leiter des Forstreviers Backnanger Bucht, ein. Auf dem Programm steht nicht weniger als die Frage, wie unser heutiger Wald in Zeiten der zunehmenden Erderhitzung "klimafest" gemacht werden kann.

Weit über 30 Waldfreunde, bunt gemischt von ganz jung bis nicht mehr ganz so jung werden von der SDW-Vorsitzenden Veronika Holz auf den Wert des Waldes für jede/n von uns und für uns als Gesellschaft eingestimmt und herzlich begrüßt.
Die Waldführung beginnt fast lautlos, denn Förster Paul Bek lädt die Teilnehmenden zur Einstimmung und zum Ankommen dazu ein, den Wald - quasi in einer Schweigeminute - auf sich wirken zu lassen. Für manche ist dieser Moment der Kontemplation draußen in der Natur etwas Unbekanntes, bedeutet es doch, sich auf Geräusche, Gerüche des Waldes, ja auch ein bisschen auf die eigenen Gefühle im und für den Wald einzulassen.
An einem Schaubild zeigt er, dass der Wald aber noch so viel mehr ist als das: Eine seiner lebenswichtigsten Funktionen für Pflanzen, Tier und Mensch ist seine Wasserfilter und -speicherfunktion. Quellwasser aus Waldgebieten, durch gesunde Waldböden gefiltert, hat nahezu schon Trinkwasserqualität. Und da der Mensch große Flächen mit Städten, Straßen und Infrastruktureinrichtungen versiegelt hat, sind unbelastete Waldböden als Wasserspeicher doppelt wichtig. Darauf wird später noch zurückzukommen sein.
Wälder speichern aber auch das Klimagas CO2, denn Baumstämme sind letzten Endes nichts anderes als durch Fotosynthese zu Holz veredeltes Kohlendioxid und Wasser. Auch Waldböden sind ein wertvoller Kohlenstoffspeicher, da organisches Material zersetzt und zu Humus wird, der sich im Oberboden anreichert und seinerseits wieder Pflanzen nährt.
Weitere wichtige Waldfunktionen sind: unersetzlicher Lebensraums unzähliger Pflanzen, Tiere, Pilze und Mikro-Organismen. Wald ist Sauerstoffproduzent und natürliche Klimaanlage. Er ersetzt mit seinem Holz die bei der Produktion viel CO2-emittierenden Baustoffe wie etwa Beton. "Je länger ein Haus, ein Möbelstück oder etwas anderes aus Holz Gefertigtes existiert, umso länger wird das Klimagas unschädlich gebunden."
Wald schützt aber, besonders augenfällig in Steillagen, den Boden vor Erosion und die Menschen vor Lawinen und Steinschlag. Die Liste der (meist durch die Gesellschaft unentgeltlich in Anspruch genommenen) Wohlfahrtsleistungen des Waldes ist lang und manche/r vermisst in dieser Liste das, was am heutigen Tag Programm ist: Wald als Ort der Erholung und vielfältiger Freizeitmöglichkeiten und der Wald als Ort der Natur-Erfahrung und waldpädagogischen Bildung.
Aus all diesen Gründen gelte es, den Wald zu erhalten, aber auch sorgsam zu pflegen.


Genug der grauen Theorie: "Förster Paul" lädt alle Teilnehmenden ein, zu schätzen, wieviele Baumarten es denn in diesem Wald geben möge. Und um es nicht bei Schätzungen zu belassen, darf jede/r entlang eines Waldpfads Blätter von Bäumen sammeln, die dann auf einem großen weißen Laken präsentiert werden dürfen.
Da werden die Blätter der Buche, der Eichen, der Hasel, der Linden, der Hainbuche, der Kirsche, sogar der seltenen Elsbeere und der Zitterpappel, dem Baum des Jahres 2026, gefunden und verglichen.
Über 10 Laubbaumarten kommen in kurzer Zeit zusammen. Da wir gerade in einem reinen Laubwald stehen, sind die Nadelbäume heute mal außen vor. Eine ganz junge Teilnehmerin erweist sich als besonders kundig, zeigt ganz stolz ihre Funde und kennt viele davon sogar mit Namen. Manchmal lernen Erwachsene eben auch von Kindern.

Kann man nun überall beliebig Bäume pflanzen? "Nein, denn jeder Baum hat ganz eigene Ansprüche und Vorlieben an seinen Standort", erklärt der Förster. Und um dies erlebbar zu machen, hat er vorher eine kleine Grube angelegt, in der man quasi "in den Boden schauen" kann. Wenn man den feuchten Boden zu bleistiftstarken Würstchen ausrollen kann, dann ist der Tongehalt (der Anteil kleinster Bodenpartikel) recht hoch. Das bedeutet einerseits, dass der Boden recht nährstoffreich ist, aber auch sehr dicht. Hier staut sich bei nassem Wetter das Wasser und nicht alle Baumarten kommen damit zurecht. "Die Fichte mit ihrem flachen Wurzelsystem beispielsweise steht hier wie ein Sektglas auf dem Boden und wurzelt nur einige Zentimeter tief. Die Eiche oder auch die amerikanische Roteiche kommen mit diesem dichten Boden besser zurecht und können auch auf solch schwierigen Böden durchaus tief wurzeln," weiß Bek.

Was aber ist nun die Aufgabe des Försters? "Unsere Aufgabe ist es, den Wald zu pflegen mit dem Ziel, alle am jeweiligen Ort wichtigen Waldfunktionen bestmöglich zu erfüllen". Das beginnt mit der natürlichen Verjüngung des Waldes. Nicht wenige haben die reiche Naturverjüngung glatt übersehen, die in der Krautschicht überall auf dem Waldboden nur darauf wartet, endlich genug Licht zu bekommen, um in die Höhe und Dicke wachsen zu können. Licht ist praktisch das Steuerrad, mit dem die Waldentwicklung gelenkt werden kann: Stärkere Durchforstungseingriffe bringen Licht in den Wald und viel Licht bedeutet, dass auch Lichtbaumarten keimen und wachsen können. Dazu werden Bäume gefällt, damit andere davon profitieren. "Wir wählen zunächst die Baumarten aus, die am besten auf dem Standort passen. Unter diesen gilt dann unser Augenmerk den vitalsten und denen, die gutes Holz liefern können, den 'Zukunftsbäumen'. "Gleichzeitig haben wir im Blick, dass der Wald so naturnah wie möglich wachsen kann. Das bedeutet, dass wir auch alte und absterbende Bäume im Wald haben wollen, um unzähligen Tieren, etwa Vögeln oder Käfern und Pilzen, Flechten und Moosen geeignete Lebensräume zu bieten. Dies geschieht durch den Schutz so genannter "Altholzinseln, mitunter auch ganze Bannwälder, die sich als "Urwälder von morgen" entwickeln können."
Obwohl die Natur sich vielerorts üppig natürlich verjüngt, werden an manchen Orten auch Bäume gepflanzt. Warum?
"Das machen wir, wenn die Bäume, die wir am Standort für geeignet halten, im Bestand nicht vorhanden sind, etwa Laubholz in Nadelholz-dominierten Beständen."
Vor dem Hintergrund der Klimaerhitzung werden auch Versuche mit Baumarten gemacht, die so bei uns noch nicht oder bestenfalls als seltene Baumarten vorkommen. "Hier orientieren wir uns an den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen."
Diskutiert werden beim Anblick einer Pflanzfläche die weithin sichtbaren Wuchshüllen. "Diese sollen dem gepflanzten Bäumchen ein günstiges Mikroklima bieten und es vor Konkurrenzflora, etwa der Brombeere, oder Wildverbiss schützen." Bis vor wenigen Jahren waren diese Wuchshüllen oft aus Kunststoff, der nach einigen Jahren teuer wieder entsorgt werden musste. Heute sollen Wuchshüllen aus Bio-Plastik verwendet werden: Kunststoff, der aus dem Pflanzenstoff Lignin hergestellt wird und sich im Wald nach einigen Jahren rückstandsfrei zersetzt, wie wissenschaftliche Versuche belegen. "Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Bio-Wuchshüllen bislang noch deutlich teurer sind als herkömmliche aus Plastik aus fossilen Rohstoffen."

An einem Holzpolter am Weg unterstreicht "Förster Paul" noch einmal den Sinn der Holzernte, die mit der Waldpflege Hand in Hand geht:
"Mit der Holzernte steuern wir einerseits die Waldentwicklung, andererseits entnehmen wir dem Wald im Holz gebundenes Kohlendioxid. Je langlebiger das Holz verwendet wird - etwa im Häuserbau, als Brücken oder als Möbel - umso länger ist dieses CO2 nicht mehr klimaschädlich. "
Überließe man den Wald auf großer Fläche ganz sich selbst, so würden sehr alte Bäume irgendwann absterben und verrotten, wodurch das CO2 durchaus rascher wieder freigesetzt werden könne als bei langfristige Holznutzung.

Ein zunehmend wichtiger werdendes Thema ist es, wie Wasser noch besser und länger im Wald gehalten werden kann, um der Wasserspeicherfunktion noch mehr Gewicht zu geben.
Dichte, viernässende Standorte wurden in der Vergangenheit auch schon mal durch Gräben entwässert (die beim Wegebau durchaus ihren Sinn haben, um Wege trocken und stabil zu halten), oft um die nässe-empfindliche "Brotbaumart Fichte" stabiler zu machen. Da Klimaszenarien der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg dieser früheren Haupfbaumart langfristig aber kaum Chancen einräumen, liegt der Fokus auf vielfältig Mischwälder, für die diese Gräben schlicht nicht erforderlich sind. "Vielmehr versuchen wir durch passende Maßnahmen das Wasser länger im Wald zu halten. " Als Beispiel hierfür zeigt Paul Bek einen einfachen Versickerungsgraben auf einer so genannten Rückegasse (während des Holzeinschlags genutzter Weg zur Holzbringung aus dem Waldbestand an den Fahrweg). "Während der Holzernte legen wir einfach einen Stamm in diese Rinne, um die Gasse befahrbar zu machen - hinterher entfernen wir ihn wieder. " Weitere Beispiele sind am Rand des befestigten Fahrwegs zu sehen: Die ausgebaggerten Mulden dienen einerseits dem Wasserrückhalt zur langsamen Versickerung des Oberflächenwassers im Waldboden und sind gleichzeitig wertvolle Feuchtbiotope für Amphibien und andere Wasserbewohner.

Der Waldnachmittag vergeht wie im Flug. "Förster Paul" macht den Waldfreunden keine Hoffnung, die Vielfalt der Themen in zwei Stunden auch nur annähernd erschöpfend behandeln zu können. "Dazu ist der Wald zu komplex und die Themenfülle zu groß". Seine im Schlusswort geäußerte Hoffnung, dass dieser Spaziergang zum Verständnis der Waldfunktionen und der naturnahen Bewirtschaftung beigetragen habe, wird mit großen Beifall bestätigt.
Mündlich bestätigt das Hermann Eberhardt, der Landesvorsitzende der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald Baden-Württemberg, der extra für diese Veranstaltung weit angereist war: Er ist voll des Lobes für die verständliche, kompetente und äußerst engagierte Darbietung eines wichtigen Themas, das uns alle angeht: Unseren Wald für die Zukunft und die unserer Kinder und Enkel vielfältig und gesund zu erhalten! Denn schließlich seien es vor dreihundert Jahren Förster gewesen, die den Begriff der Nachhaltigkeit erfunden und geprägt haben.
