Waldwirtschaft

Waldwirtschaft ist der Umgang des Menschen mit der natürlichen Ressource Wald. Doch welche Ziele werden mit moderner Waldwirtschaft verfolgt?

Zielsetzungen

Pflanz einen Baum,

Und kannst du auch nicht ahnen,

Wer einst in seinem Schatten tanzt,

Bedenke Mensch:

Es haben deine Ahnen,

Eh' sie dich kannten,

Auch für dich gepflanzt!

Max Bewer (1861 - 1921), dt. Schriftsteller

 


Merkmale eines vielfältigen, stabilen Mischwalds  und damit Ziele der Waldwirtschaft sind:

  • Naturnähe / Ökologie: Wälder sollen in ihrer Zusammensetzung den von Natur aus Vorkommenden ähnlich sein, da diese vital und resitent (bzw. resilient) gegenüber Einwirkungen von außen sind (z.B. Stürme, Insekten- oder Pilzbefall). Im Unterschied dazu sind naturferne Forstbestände (z.B. großflächige Reinbestände) langfristig instabil gegenüber Störungen.
  • Baumartenmischung: Von Natur aus vorherrschende Baumarten kommen in wesentlichem Umfang vor.
  • Standortsgerechtigkeit: Der Waldstandort entspricht den individuellen Bedürfnissen der Baumarten hinsichtlich Bodenqualität, Wasser- und Nährstoffversorgung. Somit ist beim Waldbau auf die sehr unterschiedlichen Ansprüche der Baumarten zu achten (siehe Standortskartierung).
  • Struktur: In einem Waldbestand kommen alle Altersstufen vor. Bestandespflege und (natürliche) Verjüngung gehen nahtlos ineinander über .
  • Seltene Baumarten (z.B. Speierling, Elsbeere, Eibe, Wildobstbäume), die heimisch und daher genetisch angepaßt sind, werden erhalten.
  • Prozess-Steuerung: Es wird mit der Natur gearbeitet. Natürliche Entwicklungsprozesse erkannt und steuernd genutzt (Stichworte: Naturverjüngung / Sukzession, Selbstdifferenzierung / biologische Automation).
  • Waldschutz: Boden und Waldbestand werden bei der Bewirtschaftung geschont.
  • Multifunktionalität: Der Wald in Baden-Württemberg wird nicht einseitig als Holzproduktionsstätte gesehen, aber auch nicht als unantastbares Naturreservat. Er wird als Ökosystem im umfassenden Sinn gesehen und soll vielmehr vielfältige Funktionen optimal erfüllen.
  • Ökonomie: Zielsetzung im Wirtschaftswald ist es, bei der Nutzung des Holzes eine möglichst gute Wertschöpfung hinsichtlich der Holzqualität, des Holzvorrates und des Holzzuwachses entsprechend den Bedürfnissen der Gesellschaft und des Marktes, zu bekommen. Im Rahmen der jeweiligen Gewichtung der Nutzfunktion zu den übrigen Waldfunktionen sind diese Gesichtspunkte bei der Waldpflege zu berücksichtigen.

Sind all diese Erfordernisse erfüllt, so spricht man von naturnaher, multifunkionaler Waldwirtschaft.

Sie erfüllt alle wesentlichen Kriterien der Nachhaltigkeit.


Waldbau

Waldbau ist die aktive Steuerung des Waldwachstums, der Baumartenmischung und der Waldverjüngung durch den Menschen.

 

In einem ausschließlich der Natur überlassener Wald würde sich, abhängig vom Standort, zwar im Laufe der Jahrzehnte oder Jahrhunderte ein natürlicher Kreislauf aus Keimen, Wachsen und Absterben einstellen - somit, ein naturnaher und über die Jahrhunderte ein natürlicher Wald.

 

Die Nutzfunktion für den Menschen ist jedoch keine "Zielsetzung der Natur". Eine dauerhafte Stabilität des Waldes, die Holzqualität  oder die Eignung für menschliche Erholung ist nicht automatisch mit natürlichen Prozessen vereinbar. So wäre ein Naturwald so dicht und für Menschen unbegehbar wie es der römische Schreiber Tacitus im 1. Jahrhundert n. Chr. einst über die Wälder Germaniens beschrieb:  als „terra aut silvis horrida aut paludibus foeda“ – ein Land, bedeckt von schrecklichen Wäldern oder abscheulichen Sümpfen.

In einem Naturwald werden also nicht alle Ansprüche an einen nachhaltig bewirtschafteten Wald, nicht alle Waldfunktionen, erfüllt.

 

Im dicht besiedelten Deutschland verfolgt man die Strategie, die Erfüllung der Waldfunktionen auf der gleichen Fläche zu optimieren und nachhaltig zu gewährleisten. In dünn besiedelten Gebieten (Beispiel: Teile der USA, Kanadas, Australiens, Afrikas) werden oft Wirtschaftswald (oft als Plantagen / Monokulturen bewirtschaftet) und Naturschutzgebiete (Nationalparks) getrennt. Dies ist bei uns nur sehr eingeschränkt möglich und entspricht auch nicht dem allgemeinen Ziel größtmöglicher Naturnähe.


Informationsgrundlagen

Woher weiß der Förster, welches am Ort der "richtige Wald" ist?

Welche Baumarten sind in welcher Mischung und Struktur geeignet?

 

Man spricht nach dem Forstwissenschaftler Friedrich Wilhelm Leopold Pfeil (1783 - 1859) vom "Eisernen Gesetz des Örtlichen" (Berühmtestes Zitat Pfeils: " „Fragt die Bäume wie sie erzogen sein wollen, sie werden Euch besser darüber belehren als es die Bücher thun.“). Das "Gesetz des Örtlichen" bedeutet, dass die Einflussfaktoren, die auf das Ökosystem Wald wirken, sehr vielfältig und in ihrer Kombination abwechslungsreich sind (Boden, Klima, Wasserhaushalt, Konkurrenzverhältnisse, individuelle Waldgeschichte). Sie sind in ihrer Einzigartigkeit nur vor Ort gültig und daher nur in groben Zügen verallgemeinerbar. Deshalb ist die Umsetzung dieser zahlreichen Ansprüche an den Wald und die Berücksichtigung der vielen Einflussfaktoren die "hohe Kunst des Waldbaus", die eine gute Ausbildung, aber ebenso viel persönliche Erfahrung mit dem örtlichen Verhältnissen voraussetzt.

 

Gleichwohl hat der Förster zahlreiche Informationsquellen zur Verfügung, die ihn bei seiner waldbaulichen Entscheidung vor Ort unterstützen (linke Seite: Flächen-Informationen; rechte Seite: Punkt-Informationen):

Grafik über die Informationsgrundlagen naturnaher Waldwirtschaft

 

  • Standortskartierung: Flächige Erfassung des Waldes (in der Regel im 50 x 50 Meter-Raster) nach Bodentypen (Bodenaufbau, Bodenentwicklung, Versauerungsgrad, Wasserhaushalt, Humuszustand), Hangneigung / Hangrichtung, Bodenvegetation und Bestandeswachstum. Zusammenfassung der Befunde zu "Standortseinheiten" vergleichbarer waldbaulicher Möglichkeiten und Gefahren. Darstellung in Standortskarten.
  • Bannwaldforschung: Geeignete Waldgebiete werden konsequent nicht mehr bewirtschaftet, um in diesen die natürliche Waldentwicklung auf einem vorher erkundeten Standort zu beobachten und wissenschaftlich zu erforschen.
  • Waldwachstumskundliche und waldbauliche Untersuchungen:
    Forschung an den forstwissenschaftlichen Hochschulen und Forschungsanstalten
  • Ökologisch-biologische Untersuchungen: Untersuchung von Wäldern aus der Perspektive "Lebensraum / Biotop / Habitat" sowie der Zoologie und der Botanik.
  • Waldgeschichtliche Untersuchungen: Die Entwicklung heute bestehender Wälder läßt sich nur dann richtig deuten und verstehen, wenn die Geschichte des Waldes möglichst gut bekannt ist.
  • Forstliche Inventur und Planungsdaten: Bewirtschaftete Wälder Deutschlands werden periodisch flächendeckend durch die Bundeswaldinventur aufgenommen. Aufgenommen werden nicht nur Holzvorrat nach Baumarten, durch den Zeitvergleich kann auch das Waldwachstum heute genau ermittelt werden. Zusätzlich erfolgen in Forstbetrieben periodisch (alle 10 Jahre) Betriebsinventuren, die für den einzelnen Betrieb noch genauere Aussagen ermöglichen und Grundlage für die mittelfristige forstliche Planung (Forsteinrichtung) sind.
  • Waldfunktionenkartierung: In Baden-Württemberg sind die meisten Waldgebiete nach ihren "Funktionen" für die Gesellschaft flächenmäßig erfasst und kartiert (Beispiele: Wasserschutz, Bodenschutz, Naturschutz, Erholung). Hierbei können sich natürlich mehrere Funktionen überlagern. Der Wald ist jeweils so zu bewirtschaften, dass die Waldfunktionen für die Gesellschaft möglichst optimal erfüllt werden.
  • Waldbiotopkartierung: Hier werden Biotope, also Lebensräume für Tiere und Pflanzen, kartographisch festgehalten. In der Auswertung werden Empfehlungen für die Waldbewirtschaftung gegeben, diese Lebensräume zu erhalten und möglichst zu verbessern.
  • Waldzustandsforschung: Seit dem so genannten "Waldsterben" in den 1980er Jahren werden regelmäßige Aufnahmen des Waldzustands gemacht (Belaubung / Benadelung der Bäume, Insektenbefall, Witterung). Der Zeitvergleich läßt eine Einschätzung der Entwicklung des Waldzustands zu, der bei der Waldbewirtschaftung mit zu beachten ist.
  • Örtliche waldbauliche Erfahrung: Wie aus den unterschiedlichsten Wissenschaften zur Erforschung des Waldes unschwer abzuleiten ist, gibt es keine identischen, sondern bestenfalls ähnliche Waldstandorte. Methoden, die sich an einem Ort bewährt haben, können andernorts (etwa unter anderen klimatischen Voraussetzungen) nicht wirken. Daher ist der möglichst lange Erfahrungsschatz der Förster vor Ort zwar durch wissenschaftliche Untermauerung zu unterstützen, aber nicht zu ersetzen.

Waldbau konkret

Waldbau am konkreten Standort bedeutet, vor Ort auf der Grundlage der Ergebnisse der Waldinventur die durch die Forsteinrichtung (Periodische forstliche Planung) festgelegten Ziele unter Berücksichtigung aller Informationsquellen (siehe oben) wirtschaftlich - also mit möglichst geringem Aufwand - umzusetzen.

 

Waldbauliche Steuerung bedeutet, über das Fällen von Bäumen nicht nur den Rohstoff Holz in bestmöglicher Qualität und Vielfalt zu ernten, sondern auch den Lichthaushalt (damit auch den Wasserhaushalt und bedingt den Nährstoffhaushalt) in einem Waldbestand so zu steuern, dass die Wuchsbedingungen für die erwünschten (naturnahen und standortsgerechten) Baumarten optimal sind. Waldbau ist somit eine zielgerichtete Steuerung der Wachstums- und Konkurrenzbedingungen zwischen Bäumen.

Hierzu gibt es für unterschiedlichste Baumartenzusammensetzungen (so genannte Waldentwicklungstypen) eine ganze Palette bewährter Verfahren.  In einem Waldbau, der obige Bedingungen erfüllt, braucht kaum noch oder gar nicht mehr künstlich nachgepflanzt zu werden, da die nächste Waldgeneration durch Naturverjüngung erreicht wird.

Waldentwicklungstypen

Waldentwicklungstypen sind Waldbestände mit ähnlichem waldbaulichen Ausgangszustand und Zielsetzung.

Die Richtlinie beschreibt waldbauliche Behandlungs-programme von der Waldverjüngung über die Jungbestandspflege und die Durchforstung bis zur Holzernte.

Sie ist für den Staatswald verbindlich. Kommunale und private Waldbesitzer können sie ebenfalls anwenden. Sie enthält ein breites Angebot waldbaulich anerkannter sowie rechts- und zertifizierungskonformer Verfahren.


Voraussetzung für einen naturnahen Waldbau sind unabdingbar geregelte Wildbestände (siehe Jagd), um die gewünschte Baumartenmischung zu erreichen, denn Bäume sind eine natürliche Nahrung beispielsweise für Rehwild. Und diesem schmecken eben die seltenen (und daher forstlich oft wichtigen) Baumarten eben besser als die häufig vorkommenden.


Waldverjüngung

Naturverjüngung

Wald verjüngt sich durch Samenbildung und -Verbreitung schon immer natürlich. Die Zusammensetzung und Struktur des jungen Waldes hängt maßgeblich von

  • der Anzahl und Vitalität der Elternbäume ab;
  • ebenso vom Lichtangebot, also der Struktur des Altholzes, von der Bestandes-Dichte und von Bestandeslücken, denn die Baumarten haben völlig unterschiedliche Ansprüche an Licht und Wärme und von der Art, Dichte und Konkurrenzkraft der Bodenvegetation
  • sowie vom Standort, Boden, Humus, Wasser- und Nährstoffhaushalt

Natürlich verjüngte Wälder haben viele Vorteile: 

  • So ist gewährleistet, dass sie genetisch von den Altbäumen abstammen und mutmaßlich standortsangepasst sind.
  • Das Wurzelwerk kann sich von Anfang an ungehindert entwickeln, was der Stabilität des Baumes förderlich ist.
  • Und Kleinstandorte werden automatisch mit den geeigneteren Baumarten besiedelt.
  • Für den Waldbesitzer kommt der Vorteil hinzu, dass der naturverjüngte Wald nahezu kostenlos in der Begründung ist.

Um die eigenen waldbaulichen Ziele zu erreichen, die nicht völlig mit vollständiger natürlicher Sukzession deckungsgleich sein müssen, muss der Waldbesitzer steuernd eingreifen, die Samenbäume frühzeitig fördern und die waldbauliche Verjüngungsmethode dem Ziel anpassen. Das kann im Tannen-Plenterwald Einzelbaum-weise Ernte, im Buchenwald Gruppen-/Femel-artige Eingriffe bedeuten. Sollen Eiche oder Kiefer natürlich verjüngt werden, kann auch eine raschere Räumung des Altholzes zweckmäßig sein.

(siehe oben: Waldentwicklungstypen)

Pflanzung

Die Naturverjüngung von Waldbeständen ist im Rahmen der naturnahen Waldwirtschaft, wo immer möglich, vorrangig. Dennoch gibt es Rahmenbedingungen, unter denen die Pflanzung aus waldbaulicher oder betrieblicher Zielsetzung sinnvoll ist:

  • nach Schadereignissen,
  • bei hoher Konkurrenzvegetation,
  • beim Ausbleiben geeigneter Naturverjüngung
  • bei angestrebtem Baumartenwechsel und Fehlen geeigneter Samenbäume
  • bei ungenügender Qualität der Ausgangsbestände
  • bei der Auspflanzung lückiger Naturverjüngungen/Nachbesserung in Kulturen
  • bei Pflanzung als Ausgleichsmaßnahme für Waldinanspruchnahme bzw.
  • bei Neuaufforstung.


Waldpflege

Ist der Wald einmal - durch Naturverjüngung oder Pflanzung verjüngt, könnte man doch einfach warten!

Der Wald wächst ja schließlich von alleine, oder nicht?

 

Mit Pflegeeingriffen, der Jungbestandspflege oder der Durchforstung, wird die Waldentwicklung dorthin gesteuert, wo der Waldbesitzer sie haben möchte. Im Idealfall ist das Ziel ein an den Standort angepasster Waldbestand, der wertvolles Holz liefert und alle vor Ort wichtigen Waldfunktionen berücksichtigt.

 

Ziele der Waldpflege können sein

  • Bestimmte Baumartenzusammensetzung oder Mischungsverhältnisse
  • Steuerung von Konkurrenzbeziehungen (z.B. Förderung der Kronenentwicklung und damit Zuwachssteigerung von qualitativ hochwertigen Bäumen)
  • Bestimmte Waldstrukturen (z.B. Plenterwald mit Baumarten unterschiedlichsten Alters und Dimension auf gleicher Fläche, Femelstrukturen mit unterschiedlichen Lichtverhältnissen und damit ökologischen Bedingungen, u.a.m.)
  • Hohe Stabilität von Einzelbäumen und Waldbeständen

Im einfachsten Fall eines Reinbestandes geht es, vereinfacht ausgedrückt, darum, die stabilsten und qualitativ besten Bäume (Zukunftsbäume oder Z-Bäume) zu fördern, in dem ihre stärksten Konkurrenten bei der Durchforstung entfernt werden. Erfolgt dies aber zu früh und zu schnell, werden die Äste stark. Dies ist zwar für den Zuwachs vorteilhaft, da die Krone ja der Wachstumsmotor des Baumes ist, andererseits sind starke Äste ein Qualitätsnachteil am Holzmarkt.

In waldbaulich anspruchsvolleren, aber stabileren Mischbeständen geht es auch um eine so genannte "Mischwuchsregulierung", also eine Steuerung des Waldwachstums in Kenntnis der Konkurrenzbeziehungen von Baumarten sowohl innerhalb  als auch zwischen den Arten. (Näheres siehe "Waldentwicklungstypen".)