Baum des Jahres 2017: Die Fichte

Über keine andere Baumart gehen die Meinungen so auseinander wie über die Fichte (Picea abies ). Für die einen ist sie die Brotbaumart der deutschen Forstwirtschaft schlechthin, in ihrem Bestande bedroht; für die anderen ist sie der  Inbegriff naturferner Monokulturen ("Fichtenacker"). Nach 27 Jahren der Ausrufung des "Baums des Jahres" ist 2017 die Fichte dazu auserwählt worden: Zeit, um über einen umstrittenen Baum zu diskutieren.

 

Natürliche und künstliche Verbreitung - ein Stück Wald- und Kulturgeschichte

Eigentlich ist die Fichte (auch Rotfichte oder Gemeine Fichte) ein Baum der kälteren, "borealen" Klimaregionen, von Skandinavien bis kurz vor dem Ural. Sieht man die Sibirische Fichte als Unterart von Picea abies an,  reicht ihre Verbreitung über ganz Russland bis zum Pazifik. In Mitteleuropa kommt sie natürlicherweise ebenso in kalten Lagen, in den Alpen bis an die Baumgrenze und eingestreut in den höchsten Lagen der Mittelgebirge und in Moorrandlagen natürlich vor.

 

Warum kommt die Fichte in Deutschland auf einem Viertel der Waldfläche vor, in Baden-Württemberg gar auf einem Drittel (Bundeswaldinventur 2014)?

Die Lösung liegt in der Waldgeschichte der letzten Jahrhunderte:  Vom Hochmittelalter bis ins 18. Jahrhundert nahm der Holzbedarf im Zuge der einsetzenden Industrialisierung stetig zu. Bergbau, Erz- und Glasverhüttung sowie Salinen (Salzbergwerke)  und der Schiffsbau machten riesige Mengen Holz als Bau- und Brennstoff erforderlich (Kohle und Öl standen dafür noch nicht zur Verfügung). Das damit verbundene zunehmende Bevölkerungswachstum (heizen, kochen, bauen) tat ein übriges. Der Holzeinschlag erfolgte meist völlig ungeregelt und ohne Rücksicht auf die Leistungsfähigkeit des Waldes. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war der Wald völlig übernutzt, gebietsweise völlig ausgebeutet oder gar vernichtet.

Hier versprach die Fichte die Wunderbaumart zu sein. Sie wuchs rasch, lieferte exzellentes Holz und war auch mit angelernten Hilfskräften leicht und schnell auf großer Fläche zu pflanzen. Sie wurde, teilweise auch im Kurzumtriebsverfahren, früh und per Kahlschlag genutzt.  Diese enorme Anstrengung der Wiederaufforstung Mitteleuropas kann man als nicht zu überschätzende Kulturtat ansehen.

In dieser Wiederaufforstungs-Euphorie übersah man allerdings die Probleme, die man sich mit diesem Vorgehen einhandelte: Da die Fichte überall und nicht nur auf geeigneten Standorten angepflanzt wurde, litt sie oft unter Trockenstress, da sie ein sehr flaches Wurzelsystem besitzt. Gestresste Bäume sind anfällig gegenüber biotischen und abiotischen Gefahren. Allen voran vernichteten Borkenkäfer in Massenvermehrung in diesem "idealen" Brutgebiet in den heißen und trockenen Jahren nach dem II. Weltkrieg riesige Fichtenwaldkomplexe.

Auf flachgründigen, vernässenden Standorten ist sie äußerst labil gegenüber starken Stürmen: Die Orkane Vivian/Wiebke (1990) und Lothar (1999) warfen großflächig v.a. Fichtenbestände um. Angeschobene,  vorgeschädigte Bestände hatten in den Folgejahren mit weiteren Ausflällen, verursacht durch Borkenkäfer, zu kämpfen. In Baden-Württemberg ging der Fichten-Anteil seit der Jahrtausendwende deshalb um fast ein Viertel auf 34% zurück.

 

Die Fichte - eine verlorene Baumart, oder nicht?

Aufgrund der obigen Erfahrungen und Erkenntnissen verstärkte die Landesforstverwaltung seit den 1980er Jahren ihre Anstrengungen, eine naturnahe , multifunktionale Waldwirtschaft mit an den jeweiligen Standort angepassten Baumarten umzusetzen.

In  Baden-Württemberg wären von Natur aus die Buche und in Berglagen die Tanne die dominierenden Baumarten einer Naturwaldgesellschaft gewesen. Ein flächiger Anbau von Fichten widerspräche diesem Prinzip, erst recht auf nicht geeigneten Standorten.

Aber auch auf für die Baumart Fichte geeigneten tiefgründigen Standorten sind aus obigen Erfahrungen Reinbestände zu vermeiden. Je intensiver die  Mischung mit anderen (Laub-) Baumarten und je vielfältiger die Bestandesstruktur, umso geringer ist das Risiko von biotischen und abiotischen  Waldgefährdungen und umso eher hat dieser Brotbaum eine Zukunft.

Neben den genannten Risiken stellt der Klimawandel den Waldbesitzer vor neue Herausforderungen, denn wir wissen noch wenig darüber, wie die einzelnen Baumarten, allen voran die Fichte, mit dem Klimawandel fertig werden.

Hierzu wurde aktuell ein durch den Waldklimafonds finanziertes Projekt KoNeKKTiW (Kompetenz-Netzwerk Klimawandel, Krisenmanagement und Transformation in Waldökosystemen) ins Leben gerufen .Das 2014 eingerichtete Projekt hat zum Ziel, Waldbesitzende besser auf die Veränderungen ihrer Wälder durch den Klimawandel vorzubereiten.)

 

Weitere Informationen zur Fichte

Forschungsprojekt Baumarteneignung im Klimawandel - hier: die Fichte im Rems-Murr-Kreis
Forschungsprojekt Baumarteneignung im Klimawandel - hier: die Fichte im Rems-Murr-Kreis