„Siebersbach hat ¾ Stunden vom Mutterort in einem Seitenthälchen des Lauterthals eine etwas abgeschiedene Lage am Siebersbach.“ So lautet 1871 die damalige Oberamtsbeschreibung des beschaulichen Örtchens mitten im Schwäbischen Wald zwischen Sulzbach und Spiegelberg. Wer deshalb an diesem Freitagvormittag einen langweiligen Flecken erwartet, sieht sich recht überrascht. Denn überall im Ort wuselt es: Um jedes zweite Haus sind Weihnachtsbäume adrett drapiert. Auf der Hauptstraße fahren Traktoren mit Hängern voller Christbäumen auf und ab.
Siegfried Kienzle und die Vorsitzende der SDW Rems-Murr, Bürgermeisterin Veronika Franco Olias begrüßen die Pressevertreter

Passend zu diesem Treiben besucht die SDW in diesem Jahr wohl einen der emsigsten unter den Weihnachtsbaum-Produzenten:
Siegfried Kienzle mit seiner Frau Britta und seinem Sohn Leon, der den Betrieb im April von seinen Eltern übernommen hat.
Dabei könnte Siegfried Kienzle nun im (Un-)Ruhestand problemlos in die PR-Branche wechseln: Ebenso eloquent wie blumig ausgeschmückt gibt er - zur Freude der Zuhörenden - eine um die andere Geschichte zum Besten. Dies hat wohl auch den wunderschön mit Leopardenfell geschmückte Kater fasziniert, die sich seit einigen Tagen bei der Familie Kienzle einquartiert hat und dem Hausherrn seither nicht mehr von der Seite weicht.

Bei einem zünftigen Punsch erklärt Leon Kienzle die Zweige des Betriebs: "Unser Betrieb, der im Nebenerwerb geführt wird, besteht heute aus den vier Säulen: Bio-Weihnachtsbäume, Bio-Streuobst, Wald und Ziegen. Alle diese Bereiche haben eines gemeinsam: Sie beziehen sich auf Weihnachten, was überraschend sein mag."
Zunächst zum eigentlichen Objekt des Interesses, die Weihnachtsbäume:
"Bereits in der vierten Generation bauen wir Weihnachtsbäume an."
Während Urgroßvater Karl, geboren im Jahre 1900, damals - heute würde man ihn wohl als "Start-Up-Unternehmer" bezeichnen - Fichten im Wald und auf Kulturen für Händler in Stuttgart geschlagen hat, stand sein Sohn, Großvater Gerhard, vor der großen Herausforderung, unter den vielen Tannen- und Fichtenarten den perfekten Weihnachtsbaum zu finden. Es war die Zeit der Versuche, neben der heimischen Rotfichte und Weißtanne gesellten sich Nadelbäume aus der ganzen Welt, um als Weihnachtsbaum im Lichterglanz zu strahlen. Douglasien, Blau-, Engelmanns-, Omorika-, Sitka- und Weißfichten, wie auch Schwarzkiefern und die Nordmanns-, Colorado-, Große Amerikanische Küsten-, Edel-, Korea- und Nobilistanne gaben sich ein Stelldichein zur Wahl des begehrtesten und beliebtesten Weihnachtsbaums. Diese wurde vorwiegend an Händler verkauft. Aus dieser „Miss-Christbaum-Wahl" ging schließlich die Nordmannstanne, gefolgt von der Blaufichte, als Siegerin hervor.

Siegfried und Britta, die dritte Generation, vergrößerten die nachhaltige Anbaufläche auf einen Hektar; mit dieser Größe zählen sie aber dennoch eher zu den kleineren Weihnachtsbaum-Erzeugern. Die Beiden ließen die Weihnachtsbaum-Mischkulturen und Streuobstwiesen biozertifizieren. Im Gegensatz von Weihnachtbaum-Ackerkulturen stehen in der gemischten Kultur Bäume aller Alters- und Größenklassen. An der Stelle, wo ein Weihnachtsbaum abgesägt wurde, wird im Frühjahr wieder ein etwa vierjähriger Setzling gepflanzt.
Aus Überzeugung verzichtet die Familie Kienzle auf jegliche Pflanzenschutzmittel wie Glyphosat, Herbizide, Pestizide und Dünger. Das erlaubt den Nützlingen ein Überleben, die das damit vergelten, die Schädlinge als natürliche Gegenspieler in Schach zu halten. Siegfried Kienzle: "Unser Natursiegel ist das Gras am Stammfuß und im untersten Astkranz. Das gemähte Gras zersetzt sich und bietet Nährstoffe für die Bäume. Mit dieser Anbauform und der Bio-Zertifizierung haben wir ein Alleinstellungsmerkmal geschaffen, was unter naturverbundenen Menschen und Familien, wie auch Allergikern geschätzt wird."
Zum umweltbewussten Konzept passt, dass der Weihnachtsbäume nur einmal in ein Netz verpackt, damit er ins Auto des Käufers oder der Käuferin passt. "Beim "Weihnachtsbaum der kurzen Wege" ist ein Umverpacken nicht nötig", ergänzt die SDW-Vorsitzende Veronika Franco Olias anerkennend. Dadurch wird unnötiger Plastikmüll vermieden und frisch gefällte Bäume auf schnellstem Weg ins heimische Wohnzimmer.

Auf dem Fußmarsch zur Weihnachtsbaumkultur erzählt Siegfried Kienzle auch über den 2. Erwerbszweig:
"Dass auch der Streuobstbau bei uns großgeschrieben wird, zeigt, dass wir auf über 6 ha Streuobstwiesen bewirtschaften. Mit über 550 Hochstamm-Apfelbäumen bei etwa 6 ha sammeln wir verschiedenste Sorten, die teilweise noch in jüngster Zeit gepflanzt wurden, so auch diesen Herbst durch Leon Kienzle."
So stünden auf ihren Streuobstwiesen unter den alten Apfelsorten typische Weihnachtssorten wie der Purpurrote Zwiebelapfel, im Schwarzwald auch „Christkindler“ genannt, und die Rote Sternrenette, die auch unter der Bezeichnung „Weihnachtsapfel“ bekannt ist. Die ersten Christbäume wurden mit roten Äpfeln und Nüssen geschmückt. Deshalb hat Streuobstanbau im doppelten Sinn mit Weihnachten zu tun.
Im Vorübergehen zeigt Kienzle dem überraschten Publikum eine Streuobstwiese aus amerikanischen Schwarznuß-Bäumen, die gut mit dem immer heißer werdenden Klima zurecht kommen sollen.

"Etwas Wald rundet unsere Betriebsfläche ab," erzählt Siegfried Kienzle. Bei jedem Satz klingt mit, dass er die Zeichen der Zeit längst erkannt hat. "Für unsere Altvorderen waren Fichtenholz und Weihnachtsbäume als Vornutzung das alleinige Wirtschaftsziel." Im Mittelalter wurde er durch Vieheintrieb, Köhlerei und Streunutzung stark in Mitleidenschaft gezogen, zuweilen stark übernutzt. "Heute sehen wir den Wald als Lebensraum für Tiere und Pflanzen, als Wasserspeicher, Erosionsschutz, Sauerstoff-Produzent und Klimaschützer durch die Bindung des Klimagases Kohlendioxid." Um ihn stabil an die nächsten Generationen weitergeben zu können, experimentieren die Kienzles mit klimafesteren Baumarten wie etwa der Esskastanie oder der Schwarznuß im Wald.

Der vierte und letzte Betriebszweig soll hier ebenso Erwähnung finden: Die Ziegen!
Sie verhelfen an Weihnachten zu einem besonderen köstlichen Festtagsbraten. Zuvor tun sie aber brav ihr "Gschäft" als Landschaftspfleger. Denn unterm Jahr halten Sie die Wiesen rund um Siebersbach kurz und, da sie auch bei verholzten Pflanzen nicht halt mache, machen sie das sogar besser als andere Huftiere. Und nach Weihnachten darf sich die Herde (mit Ausnahme des Festtagsbratens natürlich) über die übrig gebliebenen Weihnachtsbäume hermachen. Es wird also nichts verschwendet und kehrt zurück in den natürlichen Kreislauf.
Schließlich ist die Gruppe bei der Weihnachtsbaumkultur angekommen:
Bei den Kienzles ist es üblich, dass man sich frühzeitig den Lieblings-Weihnachtsbaum in der Kultur aussuchen und reservieren kann. Der bekommt dann eine gut sichtbare Marke mit dem Namen des Käufers angetackert und kann dann - kurz vor Weihnachten - "kulturfrisch" abgeholt oder selbst umgesägt werden.
"Jeder Baum ist ein Unikat", weiß der versierte Weihnachtsbaum-Erzeuger. Sprach's und präsentierte eine wahrhaft mächtige Weihnachtsbaum-Molli, für die wohl ein Weihnachtsbaumständer maßangefertigt werden müsste.

Dass nach solch einer Präsentation es sich manche/r natürlich nicht nehmen liess, gleich ein Bäumchen für die heimische Stube mitzunehmen, zückte Leon Kienzle kurzerhand seine Motorsäge und erfüllte flugs manch einem strahlenden Teilnehmer/in seinen oder ihren Wunsch - für Pressefotografen selbstverständlich das gewünschte Motiv!
Im Anschluss an die Freiluftpräsentation ging es dann ins alte Schulhaus in Siebersbach zu einem zünftigen Vesper bei Braten und Kartoffelsalat, bei dem die SDW-Vorsitzende Veronika Franco Olias das Jahresprogramm der SDW Rems-Murr 2026 präsentierte.
... und zum Schluß noch eine (von vielen)
Weihnachts(baum)geschichte(n):
Dass der Weihnachtsbaumkauf auch Ehe- und Beziehungskrisen auslösen kann und das vorweihnachtliche Stimmungsbarometer auf Tiefstand fallen lässt, zeigen einige nette Geschichten. Hier eine davon:
So wollte ein Kunde den breitesten Christbaum, die Höhe wäre egal. Die Frau blieb zuhause, da der Baumkauf ja „Männersache“ sei. Ausgesucht hatte er sich einen Baum, der breiter als hoch war.
Im darauffolgenden Jahr kam der Mann wieder, diesmal mit Frau. Auf die Frage zu seinem Weihnachtsbaum und wie er Weihnachten so erlebt hat, antwortete er leise: „Her bloß uf, des ganze Wohnzimmer hanne usräuma miaßa, sozusaga entmöbliera. On wo no mei Alte au no ganga isch, hanne wieder viel Platz gheht.“
Inzwischen klappt es wieder beim Weihnachtsbaumkauf: Die Frau kommt immer mit, sucht den Baum aus, ihr Gatte bezahlt und trägt ihn brav zum Auto.
Bilderstrecke
©Fotos: G. Strobel, M. Tschepe
Weitere Informationen zum Weihnachtsbaum und zu Weihnachtsbaum-Anbietern im Schwäbischen Wald sind
auf dieser Homepage zu finden. Hier finden
Sie auch Infos zur Pflege Ihres Weihnachtsbaums.
SDW-Jahresprogramm 2026
"Zum vierzehnten Mal bringt die SDW Rems-Murr 2026 ihr Jahresprogramm Flyer heraus", präsentiert SDW-Kreisvorsitzende Veronika Franco Olias die druckfrische Broschüre.
Die SDW bietet das ganze Jahr über Wald-Veranstaltungen an, die sich an Waldfreunde, an Familien und an Kinder richten.
Beliebte und bewährte Veranstaltungsformate werden auch 2026 wieder angeboten:
Projekte
Mit dem Projekt Tiny Forest starten wir einen weiteren Versuch, nachdem erste Ansätze mit den Städten Backnang und Fellbach bislang noch nicht zum Erfolg geführt haben.
Der SDW Rems-Murr-Veranstaltungskalender 2026 umfasst insgesamt 18 Programmpunkte.
Hinzu kommt eine Reihe individuell buchbare Angebote:
